Wandschneider: „Wir entwerfen jede Saison die beste Version unserer Selbst“

Kulttrainer Kai Wandschneider nach dem Aufstieg in die Erste Liga im Mai 2008 vor der Halle. (Foto: Archiv)

RA: Als wir uns am Anfang der Erstliga-Saison bei Ihrem 33:22-Auswärtssieg Ende August in Gummersbach getroffen haben, da haben Sie davon gesprochen, dass das eine ganz schwere Spielzeit für die HSG Wetzlar wird. Jetzt stehen sie nach dem 36:26-Erfolg am letzten Spieltag am vergangenen Sonntag in Stuttgart mit 30:38 Punkten auf dem elften Platz. Sind Sie damit zufrieden?
Kai Wandschneider: Das ist bei unseren Voraussetzungen ein überragendes Ergebnis. Wir rutschen in der Etatliste der Liga immer weiter ab. Meine Mannschaft ist immer wieder über ihre Grenzen hinausgegangen und hat den verletzungsbedingten Ausfall unseres ,Herzstücks’ in der Abwehrmitte, Evars Klesniks, der quasi die gesamte Saison gefehlt hat, sehr gut kompensiert. Auch einige andere Spieler waren verletzt, ohne dass uns das aus der Bahn geworfen hat. Dafür haben wir einige Sensationssiege zum Beispiel am Saisonanfang Zuhause gegen Kiel und in der Rückrunde beim THW eingefahren. Das war das erste Mal in 20 Jahren HSG, dass Wetzlar in Kiel gewonnen hat.
RA: Saisonhöhepunkt für Wetzlar war sicherlich die Teilnahme am Final Four des DHB Pokals in Hamburg. Da gab es im Halbfinale gegen Hannover eine 19:24-Niederlage, bei der die erste Halbzeit 4:15 endete. War der Druck zu groß?
Wandschneider: Leider hatten wir dort vor der Pause eine komplette mentale Blockade. Es gab keinen Spieler, der für die anderen als Anker fungiert hätte. Der Rückraum entscheidet nun mal solche Spiele und da sind wir vor dieser Kulisse an unsere Grenzen gestoßen. Hannover ist vor der Pause einen Gegenstoß nach dem anderen gelaufen. Das kannst Du in so einem Endspiel mit so einem Rückstand dann einfach nicht mehr verkraften.
RA: Jetzt steht der nächste personelle Umbruch im Wetzlarer Kader an. Das sind Sie schon gewohnt, aber wie schaffen Sie es, damit immer wieder positiv umzugehen?
Wandschneider: Es ist sehr schade, dass die HSG von den guten Leistungen, den vielen Überraschungserfolgen und der Halbfinalteilnahme im DHB-Pokal nicht profitiert. In den vergangenen sechs Spielzeiten hatte ich insgesamt 56 Spieler da. Im Schnitt sind nach jeder Saison sieben davon gegangen – und da waren immer die Besten dabei. Wir haben diverse junge Spieler in die Nationalmannschaft geführt. Andreas Wolff, Steffen Fäth und Jannik Kohlbacher hatten beim Gewinn der Europameisterschaft 2016 die meiste Spielzeit in der Nationalmannschaft. Phillip Weber ist in Wetzlar Nationalspieler und Torschützenkönig geworden, Tobias Reichmann wurde bei der HSG zum Nationalspieler – um nur die deutschen Spieler als Beispiele zu nennen. Im Schnitt der vergangenen sechs Spielzeiten kommen wir auf 34 Punkte und einen einstelligen Tabellenplatz – nämlich den neunten. Das ist die beste sportliche Bilanz, die Wetzlar jemals hatte. Wir arbeiten sehr effizient und landen damit sportlich deutlich über dem Etatplatz, der für die HSG so bei 15 oder 14 liegen dürfte. Natürlich ist es frustrierend, wenn Du nach jeder Spielzeit die besten Akteure gehen lassen musst. Du fängst immer wieder bei null an. Das bedeutet für uns als Trainerteam eine extreme Anstrengung. Doch wir schaffen es immer wieder, einen hervorragenden Teamgeist zu etablieren und sehr fokussiert zu arbeiten. Wir hatten dabei das Glück, dass wir überwiegend immer sehr charakterstarke Spieler hatten. Wenn es dann sportlich läuft, wenn wir dann wieder einen unserer Überraschungssiege einfahren, dann ist das außergewöhnlich und motivierend. Wir versuchen eben jede Saison die beste Version unserer Selbst zu entwerfen.
RA: Als Sie Jojo Kurth wegen des Jubiläumsspiels am kommenden Samstagabend im Sportcenter angerufen hat, was haben Sie da gedacht?
Wandschneider: Das ist eine schöne Sache, auf die ich mich sehr freue. Das Geschäft in der Ersten Liga ist so schnelllebig. Da bleibt vor oder nach einem Spiel kaum Zeit, um mit einem ehemaligen Spieler mal mehr als zwei, drei Sätze zu reden. Das wird am Samstag sicherlich ganz anders und das werde ich genießen. Im übrigen habe ich an die Aufstiegssaison noch sehr gute und detaillierte Erinnerungen, denn das war auch für mich ein einschneidendes Erlebnis. Das war damals eine sehr gute Mannschaft und das Wiedersehen zehn Jahre danach ist eine großartige Idee. Das letzte Mal habe ich den einen oder anderen Spieler in Dormagen getroffen, als das Abschiedsspiel für Tobias Plaz war. Das ist nun auch schon wieder drei Jahre her. Außerdem ist es sehr schön, dass dieses Spiel mit einem guten Zweck verbunden wurde.
RA: Was trauen Sie dem Aufstiegsteam von vor zehn Jahren gegen die aktuelle Aufstiegsmannschaft zu?
Wandschneider: Keine Ahnung. Wichtig ist vor allem, dass wir alle da unten auf dem Spielfeld und die Zuschauer im Sportcenter großen Spaß haben. Und dass alle gesund bleiben. Das Sportliche ist da überhaupt nicht wichtig. Beim Abschiedsspiel für Tobi musste ich auch darauf achten, dass der eine oder andere der ganz alten TSV-Spieler keinen Herzinfarkt bekommt. Beim Handball ist das Schöne, dass die Beteiligten untereinander sehr viel Respekt haben. Ich bin mir sicher, dass die aktuelle Mannschaft des TSV das gegen die Aufstiegsrecken von vor zehn Jahren genau so gut hinbekommt, wie die damals beim Spiel für Tobi.
RA: Verfolgen Sie noch, was so beim TSV passiert?
Wandschneider: Natürlich. Die Ergebnisse und Tabelle schaue ich mir in der Saison jede Woche an. Es ist großartig, dass der TSV den Aufstieg in die Zweite Liga gepackt hat. Auch bei der Jugend von Dormagen schaue ich immer mal wieder hin. In der Vorsaison hatten wir ja im Viertelfinale um die Deutsche Meisterschaft die A-Jugend des TSV bei uns zum Rückspiel in Wetzlar. Da habe ich Lukas Stutzke und Eloy Morante Maldonado gesehen. Der TSV macht das im Nachwuchsbereich nach wie vor sehr gut. Da Dormagen wie Wetzlar in der Nahrungskette eher weiter unten angesiedelt ist, bildet man eben Spieler für andere Vereine aus. Das Problem ist, dass der TSV nicht generell für jeden Spieler eine Ausbildungsvergütung bekommt. Wenn der Spieler auf dem Sportinternat war, in der A-Jugend in der Bundesliga und bei den Senioren in der Dritten Liga gespielt hat, dann wäre dafür bei einem Wechsel in die Erste oder Zweite Liga ein sechsstelliger Betrag nur fair. Mit diesen Geldern könnte der TSV weiter nach oben kommen. Leider gibt es das so nicht, auch wenn die eine oder andere Ablösezahlung erfolgt. Da geht es uns in Wetzlar auf anderem Niveau nicht anders als Dormagen.
RA: Was steht in der Sommerpause für Sie an?
Wandschneider: Nach dem Jubiläumsspiel werde ich mich aufs Fahrrad setzen und nach Konstanz fahren. Bei so einer tagelangen Tour bekomme ich am besten den Kopf frei. In Konstanz habe ich eine Fortbildung. Das ist ein EHF-Masterscoach-Lehrgang. Am 11. Juli geht bei uns schon wieder die Saisonvorbereitung los.
RA: Vielen Dank für das Gespräch, viel Spaß am Samstag und einen erholsamen Urlaub! von Oliver Baum

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